Zehnfinger-Schreiben auf einer Tastatur - KI generiert

Irgendwann in den 90ern habe ich freiwillig an einem Kurs im 10-Finger-Schreiben teilgenommen. Nicht aus strategischer Weitsicht, sondern schlicht, weil er gerade angeboten wurde. Wochenlang tippte ich „asdf jklö“, bis die Finger bluteten. Es fühlte sich ein bisschen so an, als würde ich Goethes „Erlkönig“ auswendig lernen – ein durchaus interessantes Gedicht, das ich allerdings seitdem nie wieder aufsagen musste.

Dass sich ausgerechnet dieser Kurs im 10-Finger-Schreiben eines Tages auszahlen würde, hätte mir damals niemand erzählen können. Am wenigsten ich mir selbst.

Eine Fertigkeit, die einfach nicht verrotten will

Das Zehnfingersystem selbst ist übrigens viel älter, als ich dachte: Es wurde erstmals 1882 für das Blindschreiben auf mechanischen Schreibmaschinen dokumentiert. Über 140 Jahre später tippe ich nach demselben Prinzip Prompts für KI-Modelle.

„Manche Fertigkeiten warten einfach nur geduldig auf ihren großen Auftritt.“

Viele andere Fertigkeiten aus dieser Zeit sind längst museumsreif: Wer braucht noch einen Atlas oder Schönschrift für den Deutschaufsatz? Das 10-Finger-Schreiben hat mir dagegen immer wieder gute Dienste geleistet – etwa im Studium beim Mitschreiben, wenn ein Professor mal wieder keine Unterlagen bereitgestellt hatte. Seinen großen Auftritt hat es trotzdem erst heute.

Schon 2020, also noch vor dem KI-Hype, fragte sich Die Zeit, ob es das Zehnfingersystem noch braucht – ohne vielleicht zu ahnen, wie sehr.

Prompten ist Aufsatzschreiben, kein Stichwortzettel

„Ich dachte, KI-Agenten würden mir das Schreiben abnehmen – so kann man sich irren.”

Ich dachte, KI-Agenten würden mir das Schreiben abnehmen – so kann man sich irren. Beim klassischen, manuellen Programmieren tippt man erstaunlich wenig Fließtext. Code ist knapp, Variablen heißen i oder tmp, und ganze Sätze verirren sich höchstens mal in einen Kommentar. Ich bin also davon ausgegangen, die Agenten würden mir Tipparbeit ersparen. Stattdessen sitze ich jetzt da und schreibe minutenlange Prosa darüber, was genau ich eigentlich will, welchen Kontext das Modell braucht und warum es beim letzten Versuch nicht ganz getroffen hat. Weniger Hacker-Tastatur-Klappern, mehr Deutschaufsatz. Wer hätte gedacht, dass Softwareentwicklung eines Tages nach mehr Schreibarbeit verlangt statt nach weniger?

„Weniger Hacker-Tastaturklappern, mehr Deutschaufsatz.“

Und genau hier zahlt sich der Kurs von damals aus. Ich kann formulieren, ohne über die Tastatur nachzudenken. Mein Kopf bleibt beim Problem und nicht bei der Frage, wo noch mal das ö steckt.

Wer beim Tippen auf die Finger schauen muss, verliert genau dann den Faden, wenn es darauf ankommt: beim präzisen Formulieren dessen, was man eigentlich will.

Ein Klick-Test später: 60 Wörter pro Minute

Weil ich es genau wissen wollte, habe ich neulich einen Tippgeschwindigkeitstest gemacht: aus reiner Neugier, nicht aus Eitelkeit, ehrlich, naja, ein bisschen. Das Ergebnis: rund 60 Wörter pro Minute – blind, ohne einen einzigen Blick auf die Tastatur und mit nur ein paar Fehlerchen. Für einen Kurs, der inzwischen über 25 Jahre auf dem Buckel hat, ist das eine ziemlich ordentliche Rendite.

„Nicht die Geschwindigkeit allein zählt, sondern dass der Kopf frei bleibt für das, was wirklich zählt: klar zu formulieren, was die Anforderung ist.“

Auf einen einzelnen Prompt bezogen, ist der Unterschied winzig. Aber ich prompte heute mehrfach täglich – in kurzen Runden und mit viel Hin und Her. Dieser kleine Vorsprung summiert sich zu spürbar mehr Tempo.

Wichtiger noch: Mein Kopf bleibt frei für das eigentliche Denken, statt in der Mechanik des Tippens draufzugehen.

Was ich daraus mitnehme

Damals hätte ich nicht im Traum vorhergesagt, wofür sich dieser Kurs einmal auszahlen würde – am wenigsten für Gespräche mit einer Maschine, die es damals noch gar nicht gab.

Genau das macht die Geschichte so schön: Manche Grundfertigkeiten liegen lange brach, bis sich der Kontext ändert und sie plötzlich unverzichtbar werden. 10-Finger-Schreiben ist retro, keine Frage. Aber solange wir Maschinen mit Worten statt mit Gedanken steuern, bleibt es erstaunlich topaktuell.



Quellen:

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