Ein Ordner voller Textdateien, der meinen Arbeitsalltag trägt

Ein Ordner voller Textdateien, der meinen Arbeitsalltag trägt

Wie so oft fing alles mit einer beiläufigen Frage an: „Kennst du eigentlich schon …?“ Gemeint war Obsidian – ich habe es installiert, kurz ausprobiert und dann erst mal wieder liegen lassen.

Erst später, als ich überlegt habe, wie ich meine Arbeit besser strukturieren kann, bin ich wieder darüber gestolpert und habe auf den zweiten Blick den eigentlichen Mehrwert erkannt. Ich wollte einfach einen Ort für private Notizen, der nicht in einem weiteren App-Silo verschwindet, sondern möglichst einfach und flexibel bleibt. Markdown-Dateien in einem Ordner erfüllten diesen Zweck, ohne dass dahinter damals eine bewusste Entscheidung für ein Format statt für ein Tool stand. Was als simple Notizablage begann, trägt inzwischen einen großen Teil meines Arbeitsalltags: Projektdokumentationen und Website liegen dort, KI-Agenten arbeiten direkt darin, und zwei Plugins sind daraus entstanden.

Der Vorteil von Markdown als Format

Der eigentliche Kern dahinter ist gar nicht Obsidian selbst, sondern das Dateiformat: Markdown. Damit lässt sich alles Notwendige einfach strukturieren: Überschriften, Listen, Hervorhebungen, Links. Und das ohne das seltsame Verhalten, das einem in klassischen Textverarbeitungsprogrammen doch häufig in die Quere kommt. Kein ungewolltes Umformatieren, keine verschachtelten Formatvorlagen, die sich verselbstständigen.

Für mich ist dabei auch relevant, dass Markdown weitgehend überall gleich ist. Es besteht aus Text mit ein paar Konventionen und ist kein proprietäres Binärformat. Dadurch lassen sich die Dateien problemlos importieren, exportieren und in andere Formate konvertieren, und ich bin nicht an ein einzelnes Tool gebunden. Die Verwendung bleibt flexibel, egal ob in Obsidian, einem anderen Editor oder direkt in einem Git-Repository.

Interessanterweise ist genau das auch die Haltung der Personen hinter Obsidian selbst. Steph Ango, CEO von Obsidian, hat das unter dem Stichwort „file over app“ formuliert:

Wer digitale Artefakte schaffen will, die Bestand haben, braucht Dateien, die er selbst kontrolliert, in Formaten, die sich leicht abrufen und lesen lassen (stephango.com)

Die Anwendung ist vergänglich, die Datei nicht – ein Standpunkt, den ich nach vielen Jahren in der Softwareentwicklung ziemlich uneingeschränkt teilen kann.

Rückblickend war genau das die entscheidende Weichenstellung: nicht ein bestimmtes Tool, sondern ein offenes Format. Sie ist der Grund, warum sich später Website, Projektdokumentation und KI-Agenten so reibungslos in dasselbe Tool einfügen ließen – dazu weiter unten mehr.

Ein Ort statt zehn Tools

Der größte Vorteil für mich im Alltag: Ich habe einen einzigen Ort für praktisch alles – Notizen, Projektideen, Rechercheergebnisse, private Aufzeichnungen. Kein Hin- und Herspringen zwischen einer Notiz-App hier, einem Wiki dort und einer Cloud-Ablage für Dokumente irgendwo anders. Wenn ich etwas suche, weiß ich immer, wo ich anfangen muss.

Konkret hat Obsidian bei mir eine ganze Reihe einzelner Tools ersetzt: klassische Notizen, Textverarbeitung, einfache Tabellen, To-do-Listen und ein persönliches Wiki über Tags und Verknüpfungen. Statt für jeden dieser Zwecke eine eigene App zu pflegen, deckt ein einziger Ordner voller Markdown-Dateien mittlerweile einen erstaunlich großen Teil davon ab.

Obsidian User Interface
Obsidian mit Ordnerstruktur, geöffnetem Artikel und Claude Sidebar

In der Praxis arbeite ich dabei meist ganz klassisch mit Ordnerstruktur und Volltextsuche – das reicht für die meisten Fälle völlig aus und findet in Sekunden, was ich suche, egal wie viele Notizen es mittlerweile geworden sind. Für Inhalte, die sich nicht sauber in eine einzige Ordnerstruktur pressen lassen, kommen Tags und Verknüpfungen dazu: Themen lassen sich frei miteinander verlinken und über Tags mehrere Ordnungssysteme gleichzeitig abbilden. Eine Notiz kann so gleichzeitig zu einem Projekt, einem Thema und einer Person gehören, ohne dass ich sie mehrfach ablegen muss.

Wer es strukturierter mag, kann mit dem Core-Plugin Bases inzwischen sogar datenbankartige Ansichten über die Eigenschaften seiner Notizen legen – Tabellen, Filter und Sortierungen, ohne den Vault zu verlassen. Unterm Strich ergibt das ein Ordnungssystem, das sich meinem Denken anpasst statt umgekehrt.

Meine Daten, meine Regeln

Genauso wichtig ist mir dabei: Meine Daten liegen lokal auf meinen Geräten, ich habe die volle Kontrolle darüber. Cloud-Synchronisierung ist bei Obsidian immer nur eine Option, kein Zwang. Und weil die Dateien ganz normale Markdown-Dateien sind, funktionieren sie unabhängig vom Tool oder Anbieter – sollte es Obsidian als Anwendung irgendwann nicht mehr geben, blieben meine Daten trotzdem grundsätzlich nutzbar.

Das hat auch einen Datenschutzaspekt: Je weniger Dienste und Plattformen beteiligt sind, desto weniger Stellen erhalten Einblick in meine privaten oder beruflichen Inhalte.

Für die Synchronisierung gibt es zwei grundsätzlich verschiedene Wege, und ich halte es für wichtig, die sauber auseinanderzuhalten.

Der offizielle Weg ist Obsidian Sync, ein kostenpflichtiger Zusatzdienst – und der ist deutlich mächtiger, als der Name vermuten lässt: Ende-zu-Ende-Verschlüsselung, Versionshistorie samt Wiederherstellung gelöschter Dateien und ein gemeinsamer Team-Vault für bis zu 20 Personen, jeweils mit eigenem Sync-Abo (Obsidian-Hilfe). Wer im Team arbeitet oder schlicht will, dass Synchronisierung einfach funktioniert, ohne dass jemand sie betreut, ist hier klar richtig.

Bei mir läuft das Ganze stattdessen über ein Git-Repository. So habe ich meine Daten nicht nur überall verfügbar, sondern nebenbei auch gleich eine vollständige Versionshistorie – und die Kontrolle darüber, wo die Daten liegen. Ehrlicherweise gehört dazu aber die Einordnung: Das ist eine Lösung für Einzelnutzer oder sehr kleine, technisch versierte Gruppen. Man braucht Git-Kenntnisse, man löst Merge-Konflikte im Zweifel selbst, und Ende-zu-Ende-Verschlüsselung bringt einem niemand frei Haus. Für mein Setup ist das aktuell genau der richtige Kompromiss. Als Empfehlung für ein Team wäre es keiner.

Eine Warnung an dieser Stelle: Markdown-Dateien liegen zunächst ganz normal als Klartext auf dem Dateisystem. Für sensible Informationen braucht es deshalb zusätzliche Schutzmaßnahmen.

Für sensible Markdown-Notizen im Vault setze ich deshalb das Plugin gpgCrypt ein. Damit lassen sich einzelne Notizen beziehungsweise ganze Ordner verschlüsseln, sodass die gespeicherten Markdown-Dateien beispielsweise im Git-Repository nicht im Klartext vorliegen. Innerhalb von Obsidian bleiben die Inhalte nach dem Entsperren trotzdem normal nutzbar.

Bei etwas so Sensiblem wie Verschlüsselung wollte ich mich nicht auf eine Plugin-eigene kryptografische Implementierung verlassen müssen, deren technische Umsetzung ich nicht einschätzen kann. gpgCrypt setzt, wie der Name schon sagt, auf das etablierte GPG. Die verschlüsselten Dateien lassen sich deshalb auch ohne das Plugin wieder entschlüsseln, und ich bin nicht von einem proprietären Dateiformat abhängig.

Wichtig ist allerdings auch die Grenze dieses Ansatzes: gpgCrypt ersetzt keine vollständige Verschlüsselung des gesamten Geräts oder Vaults. Auch der Entwickler weist darauf hin, dass entschlüsselte Inhalte etwa durch Caching, Core Dumps oder andere Systemmechanismen temporär auf dem Datenträger landen können. Für wirklich hochsensible Daten muss man deshalb das Gesamtsystem betrachten und darf sich nicht allein auf ein einzelnes Plugin verlassen.

Laut Obsidian nutzen Menschen in über 10.000 Organisationen die Anwendung, viele davon in regulierten Branchen wie Behörden, Gesundheitswesen und Finanzsektor (Obsidian Blog). Obsidian kommt dabei ohne verpflichtenden Account und Tracking aus und speichert die Daten primär lokal.

Seit Februar 2025 darf Obsidian außerdem ausdrücklich kostenlos beruflich genutzt werden.

Plugins, die den Alltag erleichtern

Ein Teil davon, warum Obsidian für mich so gut funktioniert, sind die Plugins. Zentral – im wahrsten Sinne des Wortes – ist für mich Git: Es kümmert sich automatisch um Backup und Synchronisierung über das Git-Repository, das ich oben schon erwähnt habe. Ohne dieses Plugin würde ein großer Teil meiner Automatisierung nicht so komfortabel funktionieren.

Daneben gibt es einige kleinere Helfer für Bedienung und Navigation, darunter Mermaid Tools, Editing Toolbar und Floating TOC. Deutlich mehr als ein Nice-to-have ist für mich Rhino PDF Export, mit dem sich unterschiedliche PDF-Profile samt Deckblatt, Header, Footer und Inhaltsverzeichnis definieren lassen. Für einfache Tabellen nutze ich Sheet Plus, und mit Task List Kanban experimentiere ich aktuell als textbasierte Kanban-Lösung.

Obsidian Installed Community Plugins
Liste der installierten Community Plugins

Obsidian selbst ist intern schon auf einer Plugin-Struktur aufgebaut, und drumherum ist seit der API-Veröffentlichung 2020 einiges entstanden: über 4.000 Plugins und Themes mit zusammen mehr als 120 Millionen Downloads (Obsidian Blog). Da ist sicher noch die eine oder andere hilfreiche Erweiterung dabei, an die ich bisher nicht gedacht habe.

Vom Notizbuch zur Arbeitsplattform

Einen Schritt weiter bin ich gegangen, indem ich meine eigene Website, die ich mit Astro als Static-Site-Generator betreibe, direkt in meinen Obsidian-Vault integriert habe. Die Inhalte der Website liegen also als ganz normale Markdown-Dateien im selben Tresor wie all meine anderen Notizen. Damit sind Website-Inhalte und private Notizen zentral am selben Ort vorhanden, statt in getrennten Systemen mit unterschiedlichen Werkzeugen gepflegt zu werden.

Der Vorteil davon ist im Alltag spürbar: schnelles Finden, eine übersichtliche Struktur, und ich muss nicht zwischen verschiedenen Tools wechseln, nur um einen Blogartikel zu schreiben oder eine Notiz zu ergänzen.

Der für mich mittlerweile größte Vorteil ist aber ein anderer: KI-Agenten kommen mit einem dokumentenbasierten System wie diesem hervorragend zurecht.

Weil alles als einfacher Text vorliegt und zentral in einem Ordner organisiert ist, kann ein Agent problemlos auf den für seine Aufgabe relevanten Kontext zugreifen – Notizen, Projektdokumentation und Website-Inhalte gleichermaßen. Das macht die Zusammenarbeit deutlich einfacher, als wenn die Daten verteilt in mehreren proprietären Systemen liegen würden, auf die ein Agent gar nicht oder nur über Umwege zugreifen kann.

Mit Plugins wie Codex Panel und Claude Sidebar hole ich mir die Agenten direkt in Obsidian, statt für jede Anfrage in ein separates Terminal oder Fenster zu wechseln.

Obsidian selbst geht diesen Weg inzwischen aktiv mit. Mit dem Obsidian CLI lässt sich praktisch alles, was in der Anwendung möglich ist, auch von der Kommandozeile aus steuern – Notizen suchen, lesen und anlegen, Templates anwenden, Plugins neu laden oder sogar JavaScript im Vault-Kontext ausführen. Als Einsatzzweck nennt Obsidian ausdrücklich auch den Zugriff agentischer Tools auf den Vault.

Vom Nutzer zum Entwickler

Inzwischen bin ich einen Schritt weiter gegangen und habe mir eigene Plugins gebaut, statt nur fremde zu nutzen: Side-by-Side Diff stellt zwei Textdateien synchronisiert nebeneinander dar und lässt mich jede Änderung einzeln annehmen oder verwerfen, bevor überhaupt etwas gespeichert wird – praktisch beim Review von Blog-Beiträgen oder ähnlichem, wo ich genau sehen will, was sich ändert.

Dev Runner macht die wichtigsten Entwicklungsbefehle eines Projekts direkt im Vault zugänglich, ohne dafür ins Terminal wechseln zu müssen.

Die Entwicklung hat mir nebenbei einen Einblick in Obsidians Veröffentlichungsprozess für Community-Plugins gegeben – und der hat sich im Mai 2026 grundlegend geändert. Bis dahin wurde nur die Erstveröffentlichung manuell geprüft, spätere Versionen gar nicht mehr. Inzwischen durchläuft jede einzelne Version eine automatisierte Prüfung auf Sicherheit und Codequalität inklusive Malware-Scan, ergänzt um punktuelle manuelle Reviews für populäre Plugins und gemeldete Auffälligkeiten (Obsidian Blog). Der Grund: Coding-Agenten beschleunigen das Erstellen von Plugins massiv und hatten die Warteschlange auf mehr als 2.300 Einreichungen anwachsen lassen.

Die Frage, wie viel Vertrauen man einem gelisteten Plugin entgegenbringen kann, stellt sich damit noch einmal neu – und sie betrifft längst nicht nur Obsidian, sondern jedes Ökosystem, in dem fremder Code mit weitreichenden Zugriffsrechten im eigenen Prozess läuft.

Wo Obsidian an seine Grenzen stößt

So sehr ich Obsidian schätze, gehört zu einer ehrlichen Bestandsaufnahme auch, wo es an seine Grenzen stößt.

Der Team-Sync, den ich oben beschrieben habe, verteilt die Dateien zuverlässig zwischen allen Beteiligten. Was dieser nicht unterstützt, ist echte Echtzeit-Zusammenarbeit innerhalb derselben Notiz, wie man sie aus Google Docs oder ähnlichen Tools kennt: Man sieht nicht live, wer gerade an genau dieser Datei schreibt, es gibt keine Cursor anderer Personen und keine Live-Kommentare während des Tippens. Bearbeiten zwei Leute dieselbe Notiz gleichzeitig, drohen Konflikte statt eines nahtlosen gemeinsamen Dokuments.

Für mein Setup spielt das im Alltag weniger eine Rolle, aber wer synchron mit anderen im selben Dokument schreiben will, stößt mit Obsidian eventuell an eine Grenze.

Auch grafische Aufbereitung ist möglich, aber begrenzt: Mit Plugins wie Mermaid Tools für Diagramme oder Rhino PDF Export für gestaltete PDF-Exporte lässt sich einiges an visueller Struktur erreichen. Im Kern bleibt Obsidian aber ein Text-Editor für Markdown – nicht für komplexe Layouts.

Und noch eine Einschränkung, die ich weiter oben bewusst offengelassen habe: Ganz so tool-unabhängig, wie es zunächst klingt, ist die Sache dann doch nicht. Der reine Fließtext ist überall lesbar, aber Wikilinks im [[Notiz]]-Format, Callouts, Canvas-Dateien und die erwähnten Bases sind Obsidian-Dialekt. In einem anderen Editor bleibt vieles davon lesbar, funktioniert aber nicht mehr automatisch.

Der Unterschied zu einem proprietären Format ist trotzdem gewaltig: Im schlimmsten Fall stehen ein paar doppelte eckige Klammern im Text, statt dass ein Export scheitert oder sich ein Dokument ohne die ursprüngliche Anwendung gar nicht mehr öffnen lässt. Aber ein bisschen Lock-in bleibt eben doch.

Fazit

Aus einer simplen Notizablage ist Schritt für Schritt und ohne großen Plan die Zentrale für einen guten Teil meines Arbeitsalltags geworden: private Notizen, Projektdokumentation, meine Website und zunehmend auch die Zusammenarbeit mit KI-Agenten laufen alle über denselben Ordner voller Markdown-Dateien.

Obsidian ist dabei ein erstaunlich einfaches und gleichzeitig mächtiges Werkzeug. Die grundlegende Nutzung setzt kein technisches Fachwissen voraus. Mein konkretes Setup geht an einigen Stellen deutlich darüber hinaus – etwa mit Git, Verschlüsselung, eigener Website-Integration oder KI-Agenten –, aber genau darin liegt für mich eine der größten Stärken: Ich kann klein anfangen und das System mit meinen Anforderungen wachsen lassen.

Der entscheidende Punkt ist für mich inzwischen allerdings gar nicht mehr Obsidian selbst.

Ich habe meinen Arbeitsalltag nicht auf einer bestimmten Anwendung aufgebaut, sondern auf Dateien, die ich selbst kontrolliere. Obsidian ist momentan das Werkzeug, mit dem ich diese Dateien am liebsten bearbeite, organisiere und miteinander verbinde. Sollte sich das irgendwann ändern, bleiben die Inhalte trotzdem bestehen.

Und genau deshalb trägt diesen Arbeitsalltag am Ende nicht wirklich Obsidian.

Es ist tatsächlich einfach nur ein Ordner voller Textdateien.


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Quellen:

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